Text (26.03.2025)
Christine Schmidt
Lektorat und Support
Christine Radomsky
Carla Klocke
Review
Hartmut Graßl
Illustration
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2040 – Wir haben schon viel erreicht
Uns ist gelungen, ein gesamtgesellschaftlich gut akzeptiertes Bildungssystem zu entwickeln. Als Abbild und zur Unterstützung gesellschaftlicher Veränderungen in Deutschland, Europa und der Welt werden alle Bildungsbereiche zusammen betrachtet, um sie effektiv an sich verändernde Ansprüche, Bedingungen und Ziele anpassen zu können. Inzwischen sind alle Bildungsbereiche (Frühkindliche, Allgemeinbildung, berufliche und akademische Bildung sowie Weiterbildung) einander gleichgestellt und gleichwertig. Die gesellschaftliche Wertschätzung drückt sich in ähnlichen Arbeitsbedingungen, kollaborativen Strukturen und vergleichbaren Weiterentwicklungsmöglichkeiten der Lehrpersonen aus.
Lange wurden die verschiedenen Bildungsbereiche unabhängig voneinander gesehen. Die Beziehungen der aufeinanderfolgenden Bildungsbereiche wurden als sogenannte Bildungskette beschrieben, jedoch nur in Teilaspekten erforscht. Insbesondere wegen der gleichbleibend hohen Quoten von Menschen ohne Schulabschlüsse und Ausbildung, als Gründe und erhebliche Risikofaktoren für Langzeitarbeitslosigkeit gibt es neue Ansätze und ein generelles Umdenken:
„Es muss ein Verständnis für ein Bildungssystem entstehen, dass allgemeine und berufliche Bildung zusammen denkt und damit flexible Lernwege ermöglicht.”
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Gute Bildung vollzieht sich heute als individuell gelingende Bildung, unabhängig von persönlichen und sozialen Voraussetzungen. Unser Bildungssystem ist so gestaltet, dass Fertigkeiten in unterschiedlichen Formen, Räumen und Zeiten erlernt werden können. Es dient außerdem dazu, das eigene Lernen zu reflektieren, die Aneignung und Ausprägung individueller Lernstrategien einzuüben. Alle Akteur:innen werden dabei gleichermaßen unterstützt. Das Bildungssystem ist außerdem darauf ausgerichtet, dass alle an Bildung Beteiligten zusammenarbeiten und einander unterstützen, um ihrer Verantwortung für die Entwicklungen der Lernenden gerecht zu werden.
Auf die Lernerfolge der Lernenden haben insbesondere die Lehrenden, mit ihren Fähigkeiten, die eigenen Kompetenzen kennen, bewerten und ausbauen zu können, messbar entscheidenden Einfluss. Das hatte John Hattie mit seinem Team empirisch erhoben und auch berechnet. Die Einflussfaktoren auf den Lernerfolg wurden in einer Metastudie erhoben und werden seither aktualisiert und publiziert.
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In einer weiteren Metastudie stellten Hattie und Donoghue eine Synthese der wirksamsten Lernstrategien und ein Modell vor, welches auch die Risiken des individuellen Lernens betrachtet, denn es beruht auf den Phasen SKILL-WILL-THRILL.
“Diejenigen unter uns, die nicht bereit sind, ihre Ideen dem Risiko der Widerlegung auszusetzen, nehmen nicht am wissenschaftlichen Spiel teil.”
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Dem Bildungssystem als Ganzem werden wesentliche gesellschaftliche Aufgaben zuerkannt. Neben der Unterstützung der Persönlichkeitsentwicklungen der Lernenden, gehört die Bildung für nachhaltige Entwicklung dazu, die in allen Bildungsbereichen umgesetzt wird. Inzwischen wird auch die berufliche Bildung, wegen ihrer Beiträge zu unterschiedlichen Transformationen, ihrer Bedeutung entsprechend ausgestattet.
Ein größerer Teil der Bildungsausgaben fließt in exzellente Aus- und Weiterbildungen von Lehrenden aller Bildungsbereiche. Gesellschaftlich relevante Forschungsergebnisse sind mit den in der Wirtschaftspraxis umsetzbaren Aspekten regelmäßiger Bestandteil von Weiterbildungen, die zur Arbeitszeit gehören und auch von Lehrpersonen anderer Länder genutzt werden.
Die Unterausstattung der Bildung und insbesondere die mangelnde Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften erweist sich immer mehr als Hemmnis zur Verbesserung der Bildungsqualität und der Lernergebnisse. Auch die als Zusammenhänge zwischen den individuellen Voraussetzungen der Lernenden und den darauf abgestimmten Lehrmethoden sind erheblich von den Fähigkeiten der Lehrkräfte und ihrer Verfügbarkeit beeinflusst.
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Die globale Zusammenarbeit hat in den Bildungsbereichen neue Qualitäten erreicht. Unabhängig von Einzelregierungsentscheidungen fußt die weltweite Zusammenarbeit für nachhaltige Entwicklung, auf intensiven und regelmäßigen Austausch- und Kollaborationsformaten von Lehrenden wie Lernenden.
Als ein sehr effektiver und entscheidender Hebel, um nachhaltige Entwicklungen voranzutreiben, wurde die gleichwertige Bildung von Mädchen und Frauen identifiziert.[6]
Die frühzeitige Auftrennung in Fächer (in der Allgemeinbildung) und Berufe, ist durch gemeinsame Basisbildung in zusammengehörenden Themenbereichen ersetzt worden, die durch stetiges Weiterlernen ergänzt werden.
Wegen des exponentiellen Zuwachses an Wissensgebieten und deren Inhalten durch die wachsende Forschungsgemeinschaft, setzten sich in den 2020er Jahren Einsichten durch, wonach die Aufteilung des Wissens in mehr neue, getrennte Disziplinen weder dem individuellen Lernen noch der persönlichen Entwicklung dient und systemisch schwierig zu organisieren sei.
Wissenschaftler nehmen ihre Rolle als zur Bildung Beitragende heute in einem umfassenden Sinne wahr. Sie bringen ihre Forschungsergebnisse nicht nur in den transdisziplinären Austausch und die akademische Lehre ein, sondern auch zur Weiterbildung von Lehrpersonen anderer Bildungsbereiche und in die Politikberatung.
Die Erfahrungen der Scientists for Future in den 2020-er Jahren haben erheblichen Bedarf in allen genannten Bereichen gezeigt. Ihr Vorbild setzte neue Maßstäbe, weit über die Wissenschaftskommunikation hinaus.
Die Maßnahmen, die uns auf den Weg brachten
Im Rahmen der Kosmos-Conference in der Humboldt-Universität zu Berlin wurden Ende August 2019 einige wichtige Maßnahmen erarbeitet, die uns auf den Weg brachten. Im Workshop zum Nachhaltigkeitsziel 4 – weltweite Anhebung der Bildungsqualität – war vorgeschlagen worden, in Deutschland internationale Programme zur Ausbildung von Lehrenden zu initiieren und zu etablieren. Menschen aus bislang benachteiligten Ländern sollten die Möglichkeit und das Recht auf pädagogische Aus- und Weiterbildung erhalten. Große Unternehmensstiftungen förderten diese Programme. Die fachlichen Vorbereitungen beeinflussten auch das Bildungssystem in Deutschland positiv. Bei der Entwicklung des Curriculums wurde über die Essenz der humanistischen Bildung gestritten, wie sie zur Gestaltung der Zukunft beiträgt und was davon auf welche Weise erreichbar ist. Untersuchungen haben gezeigt, dass unabhängig von Kultur, Nation, Religion nahezu Einigkeit über Bildungsziele besteht.
Anlässlich des 250. Geburtstag von Alexander von Humboldt kamen vom 28. bis 30. August 2019 mit der englischsprachigen KOSMOS-Conference an der Humboldt-Universität zu Berlin über 200 Wissenschaftler:innen verschiedener Fachrichtungen
aus aller Welt zusammen, um die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen kritisch und konstruktiv zu beleuchten und darüber zu debattieren.“[7]
Mit diesen Ergebnissen konnte auch in Deutschland eine Neubewertung stattfinden. Den Bildungsverantwortlichen wurden mehr Entscheidungs- und Handlungsvollmachten zuerkannt und sie wurden finanziell besser ausgestattet. Gleichzeitig wurden individuelle Lebens-Bildungskonten eingeführt, um das individuelle Lernen unabhängiger von der sozialen Herkunft zu gestalten. Die Aus- und Weiterbildung der Lehrenden wurde auf ihre pädagogische Rolle ausgerichtet. Die inhaltlich-fachliche Ausbildung wurde an die Forschungslandschaft angekoppelt und durch KI-unterstütztes Lernen effektiver gestaltet. So wurde die Aktualität der Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen gesichert. Als wesentliche Erkenntnisse aus dem internationalen Programm wurden neue Bedingungen für die Aufnahme einer Pädagogikausbildung gestellt. Seither wird erwartet, dass angehende Lehrende bereits in einem
(anderen) Beruf ausgebildet und tätig gewesen sind, dass sie im Ausland gelebt und gearbeitet haben. Ihre pädagogische Ausbildung ist von Beginn an praxisorientiert, ihr Einstieg wird intensiv begleitet und unterstützt. Diverse Weiterbildungen gehören zum pädagogischen Alltag.
Für Lernende wurden Übergänge zwischen einzelnen Bildungsabschnitten besser aufeinander abgestimmt und flexibler gestaltbar. So wurden ab dem Kindergarten regelmäßige Zeitfenster für Naturerlebnisse vorgesehen und ab der Grundschule zunehmend Praxiserfahrungen mit verschiedenen beruflichen Tätigkeiten in die Allgemeinbildung integriert. Unternehmen haben sich auf Heranwachsende als Mitarbeitende eingestellt. Jeder Entwicklungsschritt wird als gleich wichtig angesehen.