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Wissenschaft & Forschung

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Text (13.03.2025)
Ernst Pöppel

Lektorat und Support
Christine Radomsky
Carla Klocke

Review
Hartmut Graßl

Illustration

2040 – Wir haben schon viel erreicht

Vor 230 Jahren wurde die heutige Humboldt Universität zu Berlin gegründet. Heute, im Jahr 2040, haben wir endlich die visionären Ziele ihres Namensgebers erreicht.

In Forschung UND Lehre arbeiten Studierende und Lehrende eng zusammen. Es wurden mehr „Undergraduate Research Opportunities Programs“ (UROPS) gegründet, in denen Studierende ab dem ersten Semester an wissenschaftliche Fragestellungen herangeführt werden, und Lehrende den neugierigen Fragen der Studierenden ausgesetzt sind. Im gemeinsamen wissenschaftlichen Diskurs gibt es kein „oben“ und „unten“ mehr. Wissensgenese erfolgt in absoluter Heterarchie.

Heterarchie ist ein System von Elementen, die nicht in einem Über- und Unterordnungsverhältnis stehen, sondern mehr oder weniger gleichberechtigt nebeneinander.

Ein Professor hat nicht recht, nur weil er Professor ist. Dennoch bleibt eine gewisse Hierarchie bestehen, da Entscheidungen, wie etwa über Studienabschlüsse, nach wie vor von den Lehrenden getroffen werden.

Es ist ein besonderes Kennzeichen unserer modernen Universität, diese Komplementarität von Heterarchie und Hierarchie zu verstehen und zu leben. Diese Balance von Offenheit und Struktur prägt Universitäten ebenso wie außeruniversitäre Einrichtungen, die sich gleichermaßen der Lehre verpflichtet haben. Der stete Dialog zwischen diesen Institutionen hat eine globale und interdisziplinäre Forschungsgemeinschaft hervorgebracht, die heute als Grundpfeiler von Wissenschaft und auch für Diplomatie gilt. Science Diplomacy ist somit erfolgreich umgesetzt worden.

Diese Öffnung der außeruniversitären Einrichtungen für Forschung UND Lehre hat auch dazu geführt, dass alle Institutionen sich zueinander geöffnet haben. Dies ist die Grundlage für eine starke Interdisziplinarität geworden.

Diese Öffnung geht über die Landesgrenzen hinaus. Forschung und Wissenschaft arbeiten global eng zusammen. Diese enge Verzahnung hat politische Bedeutung bekommen. Wissenschaftler:innen sind zu Botschafter:innen geworden, die unabhängig von politischen Systemen, kulturellen Gegebenheiten, historischen Kontexten, religiösen Überzeugungen und finanziellen Ressourcen – und unabhängig von ihrer jeweiligen Fachrichtung – dazu beitragen, die Welt in uns und um uns herum besser zu verstehen und verständlich zu machen.

Der Gewinn einer Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden hat auch neue Wege eröffnet, über das Faktenwissen und die fachwissenschaftlichen Methoden hinaus, die in den Natur-, Lebens-, Human- oder Sozial-Wissenschaften erlernt werden. Das rationale Wissen, wie es Wissenschaft und Forschung noch in den 2020er Jahren bestimmt hat, ist dadurch um implizites und intuitives Wissen erweitert worden. Das Staunen, das Einfühlen, die Intuition, auf die schon Vordenker:innen der Vergangenheit hingewiesen haben, sind erlebbar in der Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden. Die Forschung ist durch diese ganzheitliche Perspektive nicht nur gesellschaftlich relevanter, sondern hat auch ein neues, menschenzentriertes Bild von Wissenschaft geschaffen.

Zu diesem neuen Bild gehört, wie es schon Wilhelm von Humboldt betont hat, die Hinwendung zur Gesellschaft und die Bereitschaft, Szenarien der Anwendung zu prüfen. Diese Offenheit und die erfolgreich etablierte Interdisziplinarität haben jedoch eine Herausforderung mit sich gebracht: Die Fülle an neuen Erkenntnissen und Entdeckungen stellte zunächst eine Überforderung dar. Dies konnte aber gemeistert werden.

Diese Offenheit und die geglückte Interdisziplinarität hat ein Problem erzeugt, das aber gemeistert wurde. Je stärker interdisziplinär über alle Grenzen hinweg gearbeitet wird, umso mehr Entdeckungen werden gemacht. Es sah zunächst so aus, als würde man bei der Vielzahl des Neuen die Übersicht verlieren. Jeder oder jede Einzelne könnte nicht mehr abschätzen, was für die Gesellschaft mit unterschiedlichen Zeithorizonten nützlich wäre. Man könnte den möglichen Nutzen einem evolutionären Prinzip überlassen, dass also wirtschaftliche, politische, kulturelle oder soziale Selektionsmechanismen zur Geltung kommen. Dabei würde aber viel Neues auf der Strecke bleiben.Ritchie, S. J. (2020). Science Fictions: How Fraud, Bias, Negligence, and Hype Undermine the Search for Truth. Metropolitan Books, New York. Es wurde ein anderer Weg gewählt, der sich bewährt hat. Statt dem Zufall oder selektiven Mechanismen die Bewertung zu überlassen, wurde ein neuer Berufszweig geschaffen: sogenannte „Brückenbauer“ oder „Trüffelschweine“ identifizieren unvorhergesehene Entdeckungen und bringen sie in praktische Anwendungen.

Es versteht sich heute von selbst, dass die gelungene Verbindung von Forschung UND Lehre, die Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden sowie die Wirkung in die Gesellschaft hinein nur möglich geworden sind, da Freiheit und Unabhängigkeit garantiert waren und auch in Zukunft gegeben sein werden.

Die Maßnahmen, die uns auf den Weg brachten

Die Verbindung von Forschung und Lehre wurde zu Beginn des 21. Jahrhunderts neu interpretiert. Man erkannte, dass reine Lehre die kreativen Potentiale der Studierenden unterfordert, während reine Forschung oft an gesellschaftlicher Relevanz vorbeiging. Daher besann man sich Schritt für Schritt wieder auf altehrwürdige Prinzipien wie die von Wilhelm von Humboldt.

Von Humboldt definierte bereits 1809/10 vier Kernprinzipien, die eine Universität auszeichnen sollten.Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin [1809 oder 1810]. In W. Weischedel, W. Müller-Lauter & M. Theunissen (Eds.), Idee und Wirklichkeit einer Universität: Dokumente zur Geschichte der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin (pp. 193-202). De Gruyter, Berlin & Boston. https://doi.org/10.1515/9783110848076-011

ERSTENS die Verbindung von Forschung UND Lehre. Schon zu Beginn eines Studiums sollen die Studierenden in die Forschung eingebunden werden, und die Lehrenden müssen sich darauf einlassen. Dazu ist ZWEITENS die Gemeinschaft der Lehrenden UND Studierenden notwendig. Gemeinschaft bezieht sich nicht nur auf die Möglichkeit, sondern betont die Notwendigkeit des persönlichen Kontakts. Von Humboldt hat DRITTENS betont, dass eine Universität der Gesellschaft zu dienen hat. Was immer erforscht wird, muss anderen zur Verfügung gestellt werden. VIERTENS muss Freiheit und Unabhängigkeit in Forschung und Lehre garantiert sein, was sowohl für den Einzelnen wie auch für Universitäten gilt.

Diese wurden in den vergangenen Jahren mehr und mehr integriert. Programme wie UROPs und interdisziplinäre Forschungscluster förderten den Austausch und brachten Studierende und Lehrende enger zusammen.

In den 2020er Jahren besann sich die Wissenschaft zunehmend auf ihre gesellschaftliche Verantwortung .Collini, S. (2012). What Are Universities For? Penguin, New York. Vasbinder, J. W. & Sim, J. Y. H. (2023). Fit for Purpose: The Futures of Universities. World Scientific, Singapore. Wissenschaftler:innen gründeten Gremien, in denen sie sich mit ethischen Fragen und den historischen Grundlagen ihres Handelns auseinandersetzten. Inspiration lieferten Denker wie Albert Einstein, der die Bedeutung des Staunens betonte, und Werner Heisenberg, der auf die Rolle der Phantasie hinwies.Einstein, A. & Harris, A. (1949). The World as I See It. Philosophical Library. Heisenberg, W. (1978). Physik und Philosophie (3rd ed.). Hirzel. Diese Rückbesinnung erweiterte den Blickwinkel und führte zu einer Renaissance von Intuition und Kreativität in der Wissenschaft.

Albert Einstein schreibt 1930: „Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. Es ist das Grundgefühl, das an der Wiege von wahrer Kunst und Wissenschaft steht. Wer es nicht kennt, und sich nicht mehr wundern, nicht mehr staunen kann, ist sozusagen tot und sein Auge erloschen.“Einstein, A. & Calaprice, A. (1997). Einstein sagt: Zitate, Einfälle, Gedanken (Ed. A. Calaprice). Piper. Und Werner Heisenberg antwortet in einem Interview 1936 auf eine Frage, dass Logik und Mathematik die Haupterfordernisse für eine Beschäftigung mit der modernen Atomforschung seien: „Nun ja, das braucht man auch, aber vor allem Phantasie. Insbesondere bedarf es, wie bei jeder Beschäftigung mit einem Gegenstande, einer Fähigkeit zum Einfühlen in die Zusammenhänge der Natur.“Heisenberg, W. (1978). Physik und Philosophie (3rd ed.). Hirzel.

Es ist erkannt worden, dass Lehre allein einschränkt, denn es wird nicht gelernt, wie Wissen entsteht; Textbuchwissen wird als endgültig hingenommen;Kuhn, T. S. (1970). The Structure of Scientific Revolutions. University of Chicago Press, Illinois. die kreativen Potenziale junger Menschen werden nicht ausgenutzt, wenn nur altes Wissen gelehrt wird. Und es ist erkannt worden, dass die Konzentration auf Forschung allein zu einem Silo-Denken verführt, zu einer Abschottung von der gesellschaftlichen Wirklichkeit.Brockman, J. (2010). This Will Change Everything: Ideas That Will Shape the Future. Harper Perennial, New York. Ein zentraler Meilenstein war die Öffnung außeruniversitärer Einrichtungen für die Lehre. Dies stärkte nicht nur die Interdisziplinarität, sondern auch die internationale Zusammenarbeit. Junge Talente wurden eingebunden, um neue Perspektiven einzubringen, was bahnbrechende Innovationen ermöglichte.

Es wurde ein nachhaltiges System gebildet, das Forschung, Gesellschaft und Wirtschaft gleichermaßen stärkt.Alexander, B. (2020). Academia Next: The Futures of Higher Education. Johns Hopkins University Press, Baltimore. Kant, I. (1784). Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? Pöppel, E. (2008). Zum Entscheiden geboren: Hirnforschung für Manager. Hanser-Verlag, München.

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